Wie der Biss deinen Körper beeinflusst
Sportzahnmedizin, Physiotherapie und interdisziplinäre Zahnmedizin in Potsdam
In der aktuellen Folge des More Than Physio Podcasts spricht Jonas Gerstenberger mit Dr. Szabadi — Zahnärztin aus Potsdam und Leiterin eines Kompetenzzentrums für Sportzahnmedizin. Sie erklärt, wie Zahnstatus und Bissposition den Bewegungsapparat beeinflussen, warum interdisziplinäre Zahnmedizin mehr ist als Zahnersatz und wie Physiotherapie und Sportzahnmedizin zusammenwirken können, um ganzheitliche Gesundheit und Leistungsfähigkeit zu verbessern.
1. Dr. Szabadi: Interdisziplinäre Zahnmedizin mit Fokus Sportzahnmedizin (Potsdam)
- Dr. Szabadi ist Zahnärztin in Potsdam und arbeitet interdisziplinär — mit besonderem Schwerpunkt auf Sportzahnmedizin.
- Ihre prägende Erfahrung sammelte sie unter anderem bei der Bundeswehr: Dort arbeitete sie im interdisziplinären Team (Zahnärzte, Truppärzte, Physiotherapeuten) und betreute auch Leistungssportler.
- Ihr Grundprinzip: „An jedem Zahn hängt ein Mensch mit allem, was dazugehört” — also ganzheitliche Gesundheit statt reiner Symptombehandlung.
Keywords: Sportzahnmedizin, interdisziplinäre Zahnmedizin, Potsdam, ganzheitliche Gesundheit
2. Die Zentrikschiene — das Pendant zur orthopädischen Einlage
Dr. Szabadi beschreibt drei grundsätzliche Schienenarten und ihre Funktion:
| Schienenart | Funktion |
|---|---|
| Schutzschiene | Verhindert Zahnverschleiß bei Bruxismus (Knirschen/Pressen), primär Zahnschutz |
| Adjustierte Knirscherschiene | Neben Schutz auch Führungsfunktion für Kaumuskulatur und Kiefergelenk |
| Zentrikschiene (inkl. weiche Performance-/Trainingsschienen) | Wiederherstellung einer physiologischen Nullposition (Zentrik) der Kiefergelenke — vergleichbar mit einer sensomotorischen Schuheinlage, die Informationen an die gesamte Kette liefert |
Wesentliche Idee: Über den Biss kann informationell Einfluss auf aufsteigende und absteigende Ketten genommen werden — von der Kaumuskulatur über Nacken und Rumpf bis zu Becken und Fuß. Das erklärt Effekte wie eine Verbesserung von Beckenschiefstand oder eine Reduktion muskulärer Verspannungen.
3. Wann macht eine Schiene Sinn — Diagnostik & interdisziplinärer Behandlungsweg
Wann sollte man eine Zentrikschiene in Betracht ziehen?
- Warnsignale: wiederkehrende einseitige Beschwerden (Knie, Hüfte, Schulter), persistierende Nacken- oder Kopfschmerzen, Tinnitus, Migräne, fehlender Therapieerfolg trotz physio-/orthopädischer Maßnahmen
- Leidensdruck: Wenn Alltag, Schlaf oder Leistung massiv eingeschränkt sind, ist eine interdisziplinäre Abklärung angezeigt
Typischer Ablauf zur Diagnostik und Versorgung
- Anamnese: Beschwerden, Trainingsbelastung, Schlaf, Regeneration
- CMD-Screening: Palpation der Kaumuskulatur, Kiefergelenksbefund, Mundöffnung, Zahnstatus (Schlifffacetten, Kronen, Implantate)
- Vorbereitung durch Physiotherapie: Muskeltonus in Kiefer-/Halsregion reduzieren, Mobilisation — Patient sollte „weich” sein, damit die Zentrik sinnvoll registriert werden kann
- Zentrikregistrat: Präzise Registrierung der physiologischen Nullposition (Pfeilwinkelregistrat) und Übertragung in den Artikulator
- Zahntechnische Umsetzung: Präziser Laborprozess zur Herstellung der individualisierten Zentrikschiene
- Interdisziplinäres Follow-up: Physiotherapeutisches Begleitprogramm, ggf. weitere zahnärztliche Maßnahmen (z. B. Anpassung von Kronen, Entfernung störender Weisheitszähne)
Wichtig: Viele Fälle müssen praktisch „ausprobiert” werden — zunächst mit einer Schiene als Test, später ggf. definitive zahnärztliche Korrekturen.
4. Praktische Tipps für Physiotherapeuten: Tests, Zusammenarbeit und Training
Was können Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten sofort umsetzen?
- Holzspatel-Test: Lass den Patienten einmal auf einen Holzspatel auf einer Seite beißen und führe dann Bewegungen aus (z. B. Kniebeuge, Mobilisation). Wenn sich Bewegungsqualität oder Schmerz signifikant verändert, ist das ein Hinweis auf einen zahnmedizinischen Einfluss.
- Achte auf Muster: Einseitige, wiederkehrende Beschwerden trotz adäquater Physio sind ein Hinweis auf einen biss-bedingten Reiz.
- Netzwerkbildung: Gute Zusammenarbeit mit Zahnärzten (insbesondere solchen mit CMD-/Sportzahnmedizin-Kompetenz) und Zahntechnikern ist entscheidend — vertraue Kolleginnen und Kollegen, an die du überweisen kannst.
- Kiefermuskel-Training: Stärkung/Koordination der Kiefer- und Halsmuskulatur kann sinnvoll sein — aber differenziert: nicht bloß „Jawline”-Volumentraining in verkürzten Positionen, sondern funktionelles Arbeiten über das gesamte Bewegungsausmaß (z. B. exzentrische Kontrolle). Vorsicht: Bei stark überreizten Systemen können intensive Reizsetzungen initial verschlechtern — dosiert angehen.
- Ganzheitlicher Blick: Bewegungsmangel, Atmung, Magnesium, Schlaf und Stressmanagement sind oft Teil des Problems. Interdisziplinäre Therapiepläne sind erfolgreicher als isolierte Maßnahmen.
5. Beispiele aus der Praxis — von Leistungssport bis Leidensdruck
Dr. Szabadi berichtet von eindrücklichen Fällen:
- Bodybuilderin mit jahrelangen Schulterproblemen: nach zahnärztlicher Anpassung und Performance-Schiene wieder schmerzfrei und zu Titelgewinnen zurückgekehrt
- Fußballer und Schwimmer, die über verbesserte Symmetrie, weniger Anfälligkeit für Verletzungen oder besseres Wandverhalten (Schwimmer) berichten
- Patienten mit Migräne oder Tinnitus, bei denen eine Korrektur des Bisses oder Entfernung störender Weisheitszähne deutliche Symptome reduzierte
Solche Erfolge zeigen, dass Sportzahnmedizin und Physiotherapie gemeinsam sowohl Leistung als auch Gesundheit verbessern können.
6. Fazit
Der Biss ist selten nur ein lokales Thema. Gerade bei hartnäckigen, einseitigen oder therapieresistenten Beschwerden lohnt sich ein interdisziplinärer Blick: Physiotherapie + Sportzahnmedizin (interdisziplinäre Zahnmedizin) bringen oft neue Erkenntnisse und Lösungen. Die Zentrikschiene ist dabei ein mächtiges diagnostisches und therapeutisches Werkzeug — vergleichbar mit einer orthopädischen Einlage — das sowohl Beschwerden lindern als auch Leistungsreserven mobilisieren kann.
Wenn du als Therapeut/in wiederkehrende, einseitige Probleme siehst oder ein Athlet in deinem Netzwerk nicht wirklich von klassischen Maßnahmen profitiert: Sprich offen das Thema Biss/Kiefer an und vernetze dich mit spezialisierten Zahnärzten wie Dr. Szabadi in Potsdam.